Andrea Engler aus Ginsheim begeistert mit atemberaubender Akrobatik – Auftritt in der Jahrhunderthalle
GINSHEIM-GUSTAVSBURG. Sogar sie erlebt noch Steigerungen. „Es war noch mehr Nervenkitzel“, sagt Andrea Engler über ihren Auftritt in der Jahrhunderthalle in Frankfurt. Die Ginsheimer Artistin vollbringt am Vertikaltuch atemberaubende Akrobatik. Aber auch bei ihr stieg die Spannung, als sie das Angebot erhielt, vom Baden-Badener Philharmonieorchester und einem großen Chor live begleitet zu werden. Bei „Crossover X-Mas“ befanden sich 270 Musiker und Sänger auf der Bühne, davor saßen rund 1500 Zuschauer. Eine schwebte über allen und machte ihrem Namen alle Ehre: Andrea Engler.
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An zwei roten, acht Meter langen Stoffbahnen zeigte die Artistin Außergewöhnliches. Ohne jede Sicherung widersetzt sie sich der Schwerkraft. „Ich falle nicht runter“, sagt sie schlicht, wenn sie auf fehlenden Sicherungsschutz angesprochen wird. Dabei vollführt die Künstlerin Figuren, die ihrem Publikum den Atem rauben. Ein sogenannter Abroller, der sich zum Propeller steigert, lässt schlimmste Befürchtungen aufkommen, ob die Artistin heil den Boden erreicht.
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Die Bahnen aus Feinjersey, an denen ihr Leben hängt, sind keine Spezialanfertigung. Mit einer Schlaufe und einem Karabinerhaken wird das Stofftuch an einem Stahlträger befestigt, der wegen der Beschleunigungskräfte 500 Kilogramm aushalten muss. Hände und Füße sprüht Engler mit einem klebrigen Spray ein – mehr Vorkehrungen gibt es nicht.
Ihr Trainingsprogramm absolviert die auf den ersten Blick eher zarte Frau in der neuen Sporthalle in Gustavsburg. Dort hängt sie nicht nur am Tuch: Sehr wichtig sind Dehnübungen am Boden und ein Krafttraining, das besonders auf Arme und Hände abgestimmt ist. Aus Berlin kam Andrea Engler der Liebe wegen vor zwei Jahren nach Ginsheim. Seitdem tritt sie mit Moderator und Diabolokünstler Axel S. auf, kann aber auch als Soloartistin am Vertikaltuch oder mit ihrer bezaubernden Hula-Hoop-Nummer gebucht werden. Seit Februar hat das Paar, das sich selbst managt, ein Büro im Technologie-, Innovations- und Gründerzentrum (TIGZ) in Gustavsburg. Von dort reisen die jungen Künstler zu ihren Auftrittsorten. „Schon als Kind war es mein Traum: Ich will Artistin werden“, sagt die heute 24 Jahre alte Frau. „Das geht nicht. Dafür muss man in einer Zirkusfamilie groß werden“, sagten ihre Eltern. Mit 14 Jahren bewarb sie sich an der „Staatlichen Ballettschule Berlin und Schule für Artistik“ und wurde angenommen.
Ein halbes Jahr lang war die Jugendliche unsicher, ob sie vom überschaubaren Friedrichshafen am Bodensee in die Großstadt wechseln will. Dann wagte sie den Schritt und schloss 2004 als staatlich geprüfte Artistin die Schule ab. Hinter ihr liegen vier Jahre regulärer Schulunterricht und eine artistische Ausbildung. Nach der Grundausbildung in Jonglage, Trapez, Drahtseil und Akrobatik spezialisierte sich Andrea Engler auf das Vertikaltuch. „Mein Traum war es, in der Luft zu hängen“, kam dies ihrem Herzenswunsch am nächsten.
Schon während ihrer Ausbildung trat sie vor Publikum auf. Eine Firma, die Kamerakräne anbietet, ermöglichte gar Auftritte in Las Vegas. In der Frankfurter Jahrhunderthalle wurde ihr jetzt eine besondere Ehre zuteil: Komponist Marcel Barsotti, zu dessen Musik aus dem Film „Dolphins“ sie ihre Choreografie am Vertikaltuch entwickelt hat, schrieb sein Stück für ihren Auftritt um. Zusätzlich erschien er höchstpersönlich zur Aufführung. „Das ist so berührend, das hätte ich nicht gedacht“, sagt Andrea Engler zur Orchesterbegleitung. Eine Berührung ganz anderer Art erlebte Dirigent Wolfgang Diefenbach: Als ihn das rote Tuch der Artistin streifte, schreckte er so zusammen, dass seine Musiker ein paar Takte ausließen.
Verena Kastrup
Mainspitze 24.12.2008
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